Das Ende vom Halali

Im Kanton Zürich fordert eine Initiative die Abschaffung der Jagd. Dafür sprechen auch ethische Argumente. Wildhüter statt Jäger

Ein grundsätzliches Nein zur Jagd

Ist die Jagd bei uns ethisch zu rechtfertigen? Ich denke: Nein. Wie es sich für einen Philosophen gehört, fange ich bei den Begriffen an. Ich möchte bei den Begriffen der Jagd und der Waidgerechtigkeit ansetzen. Die Jagd kann man zunächst sehr weit wie folgt definieren: Jagd ist das Aufsuchen, Nachstellen, Fangen, Erlegen und Aneignen von Wild durch Menschen nach bestimmten anerkannten Regeln. (Wilderer, Pseudo-Jäger) Zu diesen Regeln gehören das Jagdrecht und die Waidgerechtigkeit. Was aber ist Waidgerechtigkeit? Waidgerechtigkeit nennt man Normen und Regeln, die für verantwortliches Jagen gelten. Sie umfasst z.B. die Hege des Wildes und den Verzicht auf bestimmte, als grausam geltende Jagdmethoden. Auf die Einhaltung dieser Regeln müssen sich alle an der Jagd beteiligte verlassen können.

Diese Regeln sind nicht schriftlich und fest fixiert, sie befinden sich stetiger in Weiterentwicklung, doch die Ziele der Waidgerechtigkeit bleiben relativ stabil. Gerhard Anderluh, der Landesjägermeister von Kärnten, hat die anerkannten Grundsätze der Waidgerechtigkeit vor über 40 Jahren wie folgt zusammengefasst:

  1. dem Wild unnötige Qualen ersparen,
  2. im Wild das dem Jäger am nächsten stehende Geschöpf der Natur achten,
  3. dem Wild im Rahmen der Jagd ein Maximum an Chancen lassen,
  4. sich ritterlich und anständig gegenüber dem Jagdnachbarn und den Mitjagenden verhalten,
  5. Jagdtrieb und Jagdleidenschaft im Sinne einer durch die allgemeinen Gesetze, die jagdlichen Vorschriften und die Pflicht zur Wahrung des Ansehens der Jägerschaft bedingten Disziplin und Kontrolle halten.

(Gerhard Anderluh, „Grundsätze der Waidgerechtigkeit“, Der Anblick 24/1969, 362-365.)

Die zwei primären Ziele der Waidgerechtigkeit sind: Schutz und Achtung des Wildes sowie Schutz und Achtung der Mitjagenden. Allerdings merkt man auch, dass diese Zusammenfassung über 40 Jahre alt ist, denn ein heute oft in die Waidgerechtigkeit aufgenommenes drittes Ziel fehlt: der Schutz und Achtung der Natur.

Wir können jetzt die Definition der Jagd vervollständigen: Jagd ist das Aufsuchen, Nachstellen, Fangen, Erlegen und Aneignen von Wild durch Menschen nach bestimmten Regeln, die das Ziel haben, Schutz und Achtung von Wildtieren, Mitjagenden und der Natur zu garantieren. Nun haben wir eine Antwort auf die Frage, wem die Waidgerechtigkeit gerecht wird, nämlich: Wild, Mitjagenden und Natur. Ich will mich auf das Wild konzentrieren. Denn offenbar richtet sich die Waidgerechtigkeit in erster Linie auf das Wild. Wird die sie dem Wild gerecht?

Mit Gerechtigkeit meinen wir einen Zustand des Miteinanders, in dem es einen angemessenen und unparteilichen Ausgleich aller betroffenen Interessen gibt. Wir können auch sagen: Gerechtigkeit bedeutet, dass wir allen Betroffenen zugestehen, was ihnen zusteht. Was nun die Jagd anbelangt, so steht dem Wild offenbar der waidgerechte Tod zu. Ist das gerecht? Ist das ethisch gerechtfertigt?

Um diese Frage zu beantworten, muss ich etwas ausholen. Bei allen Praktiken können wir zwei ethische Fragen stellen: (1) Ist sie überhaupt ethisch gerechtfertigt? (2) Wie kann sie ethisch verbessert werden? Nicht jede Praxis kann ethisch verbessert werden. Denn zweifellos gibt es Praktiken, die wir moralisch überhaupt nicht als gerechtfertigt betrachten, z.B. Sklaverei, Folter, Ehrenmorde, Kindsmissbrauch, Rassismus, Sexismus. Natürlich könnte man die Sklaverei quasi verbessern, indem man sie rentabler macht, oder die Folter, indem man sie effizienter macht, aber das sind natürlich keine ethischen Verbesserungen. Weil wir diese Praktiken ethisch verwerflich finden, überlegen wir uns in der Regel auch nicht, wie wir sie verbessern könnten.

Ich möchte an die Jagd die Frage stellen, ob sie überhaupt ethisch gerechtfertigt ist. Hier ist mein Argument.

Zur ersten Regel der Waidgerechtigkeit gehört es, dem Wild unnötige Qualen zu ersparen. Ich nehme also an, dass alle Jäger mit mir im Folgenden übereinstimmen: Man soll Wildtieren unnötiges Leid ersparen. Denn wir akzeptieren die goldene Regel (Was Du nicht willst, das man Dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu) und wir akzeptieren auch die Regel der Leidensvermeidung (Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie Du den Schmerz). Während es bei Fischen einen Streit darüber gibt, ob sie Schmerz und Leid empfinden können, steht dies bei den Säugetieren, die wir in der Schweiz jagen, nicht zur Debatte: Rehe, Hirsche, Steinböcke, Gämsen, Wildschweine, Füchse können Schmerz empfinden. Ich nehme an, dass Jäger mit mir darin übereinstimmen. Das Interesse des Tiers, keinen Schmerz zu haben, ist ein Grund, warum wir ihm weder Leid noch Schmerz zufügen sollten. Warum verletzen wird das Interesse eines Tiers, wenn wir ihm unnötig Schmerz zufügen? Nun, wenn wir einem Lebewesen Schmerzen zufügen, dann schädigen wir es. Wir folgen ja der Regel, niemandem zu schaden. Es ist falsch, einem Lebewesen ohne guten Grund Schaden zuzufügen.

Wir verletzen also das Interesse eines Tiers, wenn wir ihm unnötig Schmerz zufügen, weil wir es dadurch schädigen. Wichtig ist: Es geht mir um empfindungsfähige Tiere. Warum ist die Empfindungsfähigkeit hier so wichtig? Erst Wesen, die empfinden, geht es etwas an, was ihnen widerfährt. Anderen Wesen widerfahren Dinge einfach, sie können sie aber nichts angehen, sie können nur auf Geschehnisse reagieren oder werden durch sie verändert. Aber sie spüren nichts dabei. Ob wir ein Loch in ein Reh schiessen oder ob wir ein Loch in einen Baum oder in eine Dose schiessen, macht einen Unterschied. Das Reh nämlich spürt das Loch, der Baum oder die Dose hingegen nicht. Wir können auch sagen: Das Reh hat ein Interesse Schmerzen zu vermeiden, weil es sie als sehr negativ empfindet, der Baum und die Dose hingegen nicht, weil sie (nach allem, was wir wissen) nicht empfinden können. Also hat ein Reh Interessen. Wenn Gerechtigkeit aber bedeutet, dass es einen angemessenen und unparteilichen Ausgleich der Interessen aller gibt und wenn die Waidgerechtigkeit dem Wild gerecht werden soll, müssen wir das Interesse des Wildes berücksichtigen.

Die unnötige Zufügung von Schmerz verletzt also das Interesse eines empfindungsfähigen Tiers. Und zwar deshalb, weil es eine Schädigung des Wesens ist. Wir schädigen ein Lebewesen körperlich und diese Schädigung hat eine negative Empfindung (Schmerz) zur Folge.

Was hat das jetzt alles mit dem Töten zu tun? Wir könnten Tiere doch einfach schmerzfrei töten! Dagegen sage ich: Wenn ein empfindungsfähiges Lebewesen getötet wird (schmerzlos oder nicht), wird ihm dadurch ein Schaden zugefügt, nämlich die irreversible Vernichtung der Chance auf positive Empfindungen. In anderen Worten: Wir nehmen dem Tier sein Leben weg und das ist (gelinde gesagt) eine Schädigung, ja ein „irreversibler Totalschaden“. Wenn es also das Gebot der Leidvermeidung gebietet empfindungsfähigen Tieren kein Leid anzutun, dann ist es aus denselben Gründen, die uns die Leidvermeidung gebieten, falsch, empfindungsfähige Tiere zu töten, solange sie eine Chance auf positive Empfindungen haben.

Mein Argument lautet zusammengefasst: Wenn Sie akzeptieren, dass wir Tieren nicht willkürlich Schmerz zufügen sollten, dann sollten Sie auch akzeptieren, dass wir empfindungsfähige Tiere nicht töten sollten, falls diese Tiere eine Chance auf positive Empfindungen haben. Tiere haben, anders gesagt, ein Recht auf Leben. Das ist nur konsequent zu Ende gedacht, was wir als moralische Regel alle anerkennen.

Nun habe ich ein erstes Resultat meiner Argumentation: Wenn Jagd das Töten von Wild durch Menschen nach bestimmten Regeln ist, dann halte ich die Jagd auf empfindungsfähige Tiere im Prinzip für eine ethisch nicht gerechtfertigte Praxis. Kurz und gut: Wir sollten prinzipiell nicht jagen.

Ultima-ratio-Jagd

Ich habe eben gesagt, dass ich die Jagd im Prinzip für eine ethisch falsche Praxis halte. Was meine ich damit? Kehren wir nochmals zum Schmerz zurück. Manchmal gibt es gute Gründe jemandem Schmerz zuzufügen, nämlich: Notwehr, Notstand, das Wohlergehen des Betroffenen oder übergeordnete Interessen. Wenn jemand Sie attackiert, dürfen sie sich wehren; wenn jemand in Bedrängnis ist, dürfen Sie ihm helfen; wenn jemand zum Arzt oder zum Zahnarzt geht, tut das manchmal weh, ist aber zum Wohl des Betroffenen usw. Schlechte Gründe für das Zufügen von Schmerz sind z.B. Willkür, Vergnügen, Gewohnheit, Tradition, Arbeitsplätze, Rassismus, Sexismus oder Wirtschaftlichkeit.

Das können wir nun auf empfindungsfähige Tiere anwenden. Ich habe argumentiert, dass solche Tiere ein Recht auf Leben haben. Ich schlage vor, dass wir in das Recht auf Leben bei Tieren nur dann eingreifen dürfen, wenn wir Notwehr, Notstand, das Wohlergehen des Betroffenen oder übergeordnete Interessen geltend machen können.

  • Wenn jemand von einem Wild ernsthaft angegriffen wird, können wir das Tier in Notwehr töten.
  • Wenn wir versehentlich ein Wild schwer verletzen, dann können wir das Wild sachgerecht töten. Das ist ein Notstand.
  • Wenn das Leben eines Tiers keine Chance mehr auf überwiegend positive Erlebnisse bereithält, dann können wir es zur Schmerzlinderung töten. Hier geht es ums Wohl des betroffenen Tiers. Wir „erlösen“ es von seinem Leid, wie man sagt. Beispiel: Gamsblindheit.

Der heikle Punkt in meiner Argumentation sind die übergeordneten Interessen. Drei solche übergeordneten Interessen werden zugunsten der Jagd gerne geltend gemacht. Erstens die Regulation des Wildbestandes. Zweitens der Schutz der Biodiversität. Drittens die Vermeidung von Wildschäden. Die ersten beiden Gründe für die Jagd sind ökologische Gründe, der dritte ist ein ökonomischer Grund.

  1. Regulation: Es ist umstritten, ob die Jagd (die Hege) den Wildbestand tatsächlich im Sinne des Wildes (und nicht vielmehr im Sinne des Jägers) reguliert. Weiter ist umstritten, ob Regulierung durch die Jagd wirklich nötig ist. Drittens gibt es sogar Anzeichen dafür, dass Jagddruck zur starken Vermehrung von Wildpopulationen führt. Josef Reichholf meint mit Blick auf Deutschland, dass ein anhaltend hoher Jagddruck von einer Million abgeschossener Rehe im Jahr den Bestand nicht reguliere, sondern auf hohem Niveau produktiv halte. Eine vergleichende Studie von Sabrina Servanty in Frankreich über Wildschweine legt nahe, dass starke Bejagung zu einer höheren Fortpflanzung führt.
  2. Biodiversität: Trägt die Jagd zur Artenvielfalt bei? Nun, wir wissen, dass die Jagd zusammen mit der Landwirtschaft in der Schweiz historisch um Aussterben oder Beinahe-Aussterben zahlreicher Arten beigetragen hat: Luchs, Bär, Wolf, Wildkatze, Steinbock, Hirsch, Reh, Gämse um mur die bekanntesten Arten zu nennen. Ich habe viele Jahre in Berlin gelebt und kann Ihnen bestätigen, was Studien besagen: die Artenvielfalt ist dort am grössten, wo es weder Landwirtschaft noch Jagd gibt, nämlich in den Grossstädten wie Berlin, München, Hamburg oder Köln.
  3. Wildschaden: Durch Jagddruck meidet Schalenwild offene Flächen und trägt so zur Wildverbiss bei. Mit mehr Jagdfreien Gebieten könnte das Problem des Wildverbisses sinnvoll minimiert werden. Ebenso können durch gezielt gepflanzte Zonen zwischen Wald und Maisfeld Wildscheinschäden begrenzt werden. Nicht nur Wild verursacht Schäden, sondern auch Jäger verursachen in der Ausübung des Waidwerks Schäden aller Art: Personenschäden, Umweltschäden, Sachschäden. Ob der Wildschaden diesen Schaden in Zahlen überwiegt?

Ich vermute, Sie kennen diese Argumente. Es gibt Pro und Contra. Ich möchte zuerst einfach festhalten: Die übergeordneten Interessen, die zugunsten der Jagd ins Spiel gebracht werden, sind umstritten. Wichtiger ist mir aber der folgende Punkt: Diese Interessen sind ethisch allesamt gar nicht übergeordnet. Es handelt sich um ökologische und ökonomische Interessen. Warum sollten wir ökonomische Interessen höher bewerten, als das gewichtige Recht des Wildes auf Leben? Unsere Regeln besagen ja nicht: Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es fühlt wie Du den Schmerz, ausser es nützt dir wirtschaftlich. Um es klar zu sagen: Der Verkauf von Wildbret oder anderen Wildprodukten sind selbstverständlich keine übergeordneten ökonomischen Gründe! Es geht ja um das Interesse am Leben. Wenn Sie dieses fundamentale Interesse gegen einen Wildbraten oder einen Handschuh aufwiegen wollen, dann haben Sie eine ziemlich merkwürdige Vorstellung übergeordneter Interessen!

Was ist mit der Ökologie? Es ist auch nicht einsehbar, warum die Artenvielfalt ein dem subjektiven Interesse des Wildes an Leben und Schmerzfreiheit übergeordnetes Interesse sein soll. Die Ökologie wird dann ein übergeordnetes Interesse, wenn die Zahl einer Population das ökologische Gleichgewicht so zu beeinflussen droht, dass dadurch diese Population selbst sowie andere Arten bedroht werden.

Der Philosoph Gary Varner unterscheidet drei Arten von Jagd: Die Subsistenzjagd. Das ist die Jagd, die Menschen brauchen, um überleben zu können. Die Hobbyjagd. Das ist die Jagd als Tradition, als Erholung, als Trophäengewinn, als Naturerlebnis, als Charakterstärkung usw. Die therapeutische Jagd. Das ist die Jagd, die das Ziel hat, das Wohl des Wildes zu verbessern (etwa im Falle von Seuchen und Krankheiten) oder die Integrität eines Ökosystems zu wahren (etwa im Falle überproportionaler ökologischer Schäden durch eine Tierpopulation). Das kann man auch als „Ultima-ration-Jagd“ bezeichnen.

Subsistenzjagd brauchen wir in der Schweiz nicht mehr. Die Gründe für die Hobbyjagd sind keine übergeordneten Interessen gegenüber dem Interesse auf Leidvermeidung und Leben. Es gibt andere Traditionen, die wir pflegen können, andere Formen der Erholung, andere Trophäen zu gewinnen, andere Möglichkeiten für Naturerlebnisse und Charakterstärkungen, die Tieren weder das Leben kosten noch Leid, Angst und Schrecken bereiten.

Die Integrität eines Ökosystems ist in der Schweiz freilich nicht gegeben. So fehlen uns zur Regulation beispielsweise Grossraubtiere. Das Problem, das hier durch die Jagd gelöst werden soll, ist erst durch die Jagd hergestellt worden!

Bei der Wahrung der Integrität eines Ökosystems denke ich, wie gesagt, an überproportionale ökologische Schäden durch eine Tierpopulation, etwa wenn eine Population eine andere durch Raub auszurotten oder mit einer gefährlichen Krankheit zu vernichten droht. Ich denke an massenweise Vermehrung (wie im Falle der Kaninchen in Australien) und die Ausbreitung von Seuchen (wie im historischen Falle der Ratten). Das heisst: Um das Interesse an Leben und Schmerzlosigkeit eines Tiers aufwiegen zu können, müssen wir es wirklich mit massiven Schäden und Schadensszenarien zu tun haben.

Als gute Gründe für die Jagd kommen nur in Frage Notwehr, Notstand, die Gesundheit und Wahrung der Integrität eines stark bedrohten Ökosystems. Das nenne ich therapeutische oder ultima-ratio-Jagd. Nur diese Jagd ist in unseren Breitengraden ethisch legitim. Sie wird dem Wild gerecht, nur sie ist waidgerecht, nur sie wird dem Wild gerecht. Dafür brauchen wir weder Revier- noch Patentjagd. Am besten dazu geeignet scheint mir die Regiejagd, wie sie im Kanton Genf praktiziert wird. Mit anderem Worten: Die Jagd sollte nicht länger ein hoheitliches Recht sein, sondern eine hoheitliche Aufgabe werden.

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